2018-11-01 21:09

«Die Berge haben wir überwunden»

An den rätoromanischen Literaturtagen «Dis da litteratura» herrscht Aufbruchstimmung. Wieso, das erklärt Mitorganisatorin Nadina Derungs.

Die 28. Ausgabe der Dis di litteratura bewegt sich zwischen den Zeilen und Sprachen. «Tranter lingias», «Zwischen Zeilen» lautet das Motto.

Die 28. Ausgabe der Dis di litteratura bewegt sich zwischen den Zeilen und Sprachen. «Tranter lingias», «Zwischen Zeilen» lautet das Motto.

(Bild: Dis da litteratura)

  • Mit Nadina Derungs sprach Aleksandra Hiltmann

Frau Derungs, am Wochenende starten die 28. Dis da litteratura. Was erwartet denn die Besuchenden?
Die Ddl sind der einzige gesamträtoromanische Literaturanlass in der Schweiz. Vertreten sind alle romanischen Regionen, alle Idiome. Es werden viele Neuerscheinungen vorgestellt. Die Herausgeber und Verlagshäuser planen die Vernissagen mittlerweile auf die Ddl hin, die Stimmung ist dementsprechend festlich, vorfreudig. Es ist ein Sehen und Gesehenwerden. Es ist wunderbar. Da sind Autorinnen, Professoren, Lesende, Kulturschaffende, viele Junge – ein Ort, um sich zu treffen.

Dürfen auch Unterländer kommen?
Ja, selbstverständlich! (lacht) Gerade beim diesjährigen Motto!

Erklären Sie das.
Das Motto lautet «Tranter lingias», «Zwischen Zeilen» – das heisst für uns auch zwischen den Sprachen, zwischen den Regionen. Wir wollen über die Täler und Bergpässe blicken.

Man muss also kein Rätoromanisch sprechen, um etwas zu verstehen?
Nein. Es gibt Programmpunkte, die auch für Nichträtoromanen verständlich sind. Besonders der Freitagabend. Das Kabarettduo schön&gut tritt auf. Am Samstag geht es in den «Traversadas litteraras» ums Übersetzen, um mehrsprachiges Schreiben und Lektorieren. Im Programmpunkt «Poethreesome» übersetzen Lyrikerinnen gegenseitig ihre Texte, eine Kooperation einer Bündnerin und einer Tessinerin im Rahmen des Literaturfestivals Babel.

Das Motto zielt aber nicht nur auf das «Dazwischen» zwischen den Sprachen, da steckt noch mehr dahinter, oder?
Ja. Es geht auch um den Raum, der sich zwischen den Zeilen auftut, und die Protagonisten, die sich darin bewegen. Der Raum zwischen den Zeilen ist nicht richtig vorhanden, gleichzeitig ist er sehr gross. Dort finden Autoren Platz für Spannung, Kritik, Tabus, Anspielungen. Das Publikum findet darin einen Ort für Interpretationen, liest und hört Zwischentöne.

«Man ist sehr nahe bei den Autoren, kommt schnell ins Gespräch. Hier hat keiner Starallüren.»Nadina Derungs, Mitorganisatorin Dis da litteratura

Nun bitte drei Highlights aus dem Programm.
Erstens: Der «Premi Term Bel». Der Schreibwettbewerb findet alle zwei Jahre statt. Die Preisverleihung findet an den Ddl statt. Vorher aber werden die fünf Texte, die es in den Final geschafft haben, von der Fachjury vor Publikum diskutiert. Einigen ist das zu öffentlich. Um das Ganze etwas neutraler und weniger auf die Person fokussiert zu gestalten, tragen die Autorinnen und Autoren dieses Jahr ihre Texte nicht mehr selbst vor. Wir haben die Schauspielerin Marietta Jemmi, bekannt aus «Amur Senza Fin», dafür gewinnen können, die Texte vorzutragen. Dies schafft gleiche Voraussetzungen für alle, und der Fokus liegt auf den Texten.

Zweitens?
Der Samstagabend mit «Genüssen zwischen den Zeilen». Zwischen den Gängen gibt es verschiedene künstlerische Darbietungen in unkonventionellen Kombinationen. Eine Tänzerin und ein Perkussionist, ein Komiker und eine Sopranistin. Sie alle beschäftigen sich mit Metaphern.

Auf dem Programm findet man auch eine «Shot Story Night», was ist das?
Diese Idee haben wir von den Solothurner Literaturtagen ausgeliehen, mit deren Bewilligung natürlich. Es geht so: Man kauft einen Shot an der Bar, dafür setzt sich ein Autor zu einem an den Tisch und liest eine Kurzgeschichte vor. Danach kann man zusammen anstossen und über den Text diskutieren. Ebenfalls ein Highlight.

Da kommt man sich ganz schön nahe…
Das ist das tolle an den Ddl! Man ist sehr nahe bei den Autoren, kommt schnell ins Gespräch. Sowieso haben rätoromanische Autoren keine Starallüren, schon gar nicht die jüngeren.

«Ich verstehe, wenn man die Abwanderung als Bedrohung für die Sprache sieht. Ich aber sehe sie auch als Chance.»Nadina Derungs, Mitorganisatorin Dis da litteratura

Ist die rätoromanische Literatur jung?
Ja! Gerade junge Autorinnen und Autoren sind im Kommen. Sie verleihen der Szene neuen Schub mit unkonventionellen Themen. Man denkt an Asa Stina Hendry, die den letzten «Premi Term Bel» gewann und dieses Jahr an den Ddl ihren ersten Roman vorstellt. Rätoromanisch ist heute ein Grund, stolz zu sein, auch oder gerade für Junge, die sehr frei und unverkrampft mit der Sprache umgehen. Die Aufbruchstimmung, die derzeit in der rätoromanischen Musik herrscht, die spürt man auch in der Literatur.

Von der rätoromanischen Sprache war aber kürzlich zu lesen, dass sie ausgezehrt sei. Sie sei bedroht durch Abwanderung und Tourismus. In der Literatur ist das also anders?
Junge Autoren haben einen frischeren Zugang zur Sprache. Sie gehen sehr unverkrampft an die Sprache ran. Das mag nicht zuletzt daran liegen, dass die Leute heute mobiler sind. Wir Rätoromanen leben nicht mehr nur im Bergdorf, sondern profitieren von vielen neuen Kontaktmöglichkeiten. Ich verstehe, wenn man die Abwanderung als Bedrohung für die Sprache sieht. Ich aber sehe sie auch als Chance, denn viele Rätoromanen leben und arbeiten heute ausserhalb des romanischen Stammgebietes, in der Diaspora.

Ist es also zu klischiert, wenn ich frage, welche Rolle die Berge in dieser Literatur spielen?
(lacht) Die Berge haben wir überwunden. Früher war die Literatur tatsächlich kleinräumiger, bäuerlicher. Eine Literatur, geschrieben von Lehrern und Pfarrern. Viele Themen waren Tabu, etwa Sex und Religion.

Und heute?
Heute sind wir nicht mehr hinter dem Mond, wenn wir das denn je waren. Aber die Literatur hat sich extrem geöffnet, gerade in den letzten 20 Jahren. Mit Arno Camenisch beispielsweise hielten völlig neue Formen Einzug – deutsche Worte im Romanischen und umgekehrt. Allgemein sind die Figuren, Orte und Geschichten facettenreicher geworden. Tabus gibt es nicht mehr. Asa Stina Hendry gewann den «Premi Term Bel» mit einer Geschichte um ein lesbisches Liebespaar, das sich hinter der Kirche traf. Die romanische Literatur, gerade die junge, lässt sich heute nicht mehr schubladisieren.