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Abrechnung mit einem KochbuchAin Schön Salat

Das Berner Lesefest Aprillen entfällt wegen der Corona-Krise. Der «Bund» bringt die brachliegenden Texte. – Folge 11: Leo Tuor über die Folge von schludrigen Übersetzungen.

Der Schriftsteller und Alphirt Leo Tuor ist ein leidenschaftlicher Kochbuchsammler.
 
Der Schriftsteller und Alphirt Leo Tuor ist ein leidenschaftlicher Kochbuchsammler.
Foto: zvg

Dass Graubünden das Athen der heutigen Gauner ist, weiss seit 1781 jeder, der Schillers «Räuber» gelesen hat. Dass heutig auch noch nach 240 Jahren aktuell ist, hat der ganze Wirbel rund um Quadroni gezeigt, und wie versucht wurde, diesen Mann zu zerstören. Weniger bekannt dürfte sein, dass Graubünden das Athen der heutigen Stümper ist. Stümper sitzen regelmässig im Grossen und im Kleinen Rat. Sie besetzen ebenso – unterstützt von grauen Politikern – wichtige Stellen und wachen über Bündens Archive. So ist zum Beispiel aus der Küche des Staatsarchivs Graubünden ein Kochbuch erschienen. Nun kann man denken, was verstehen denn die von Saucen und Säften?

In diesem Stil wird ein Bock nach dem anderen geschossen. Das Beste von allem ist, dass auch der ganze Untertitel falsch ist.

Da war ein Manuskript von anno 1559 zum Vorschein gekommen. Und da kam ein Physiker, zusammen mit jenen Apothekern, auf die Idee, dieses alte Manuskript in der Reihe Quellen und Forschungen zur Bündner Geschichte, Band 36, Staatsarchiv Graubünden herauszugeben. Ich habe die grösste Sammlung Kochbücher im Kanton, also musste es zu meiner Kollektion gehören. Man staunt nicht schlecht als Literat und Liebhaber der Bücher, dieses Werk reiht sich mühelos in die Litteratura von Prof. Bezzola und die Funtaunas von Dr. Deplazes ein. Bündner Bücher mit vielen Informationen, aber vollgespickt mit Fehlern und Ungenauigkeiten, weil sie husch, husch lektoriert wurden. Wenigstens wurde bei Bezzola und Deplazes der Haupttitel richtig abgeschrieben. Aber sonst zeichnen sich diese Werke aus, dass sie zitierte Titel mit einem Fehler pro Wort abschreiben: Aus Christoph Schmid, Der Kanarienvogel / Jlg Utschi Canari (Cuera 1837) wird bei Bezzola (341) «Il utschi canau», was dann «Der geschächtete Vogel» ist. Darum wurde diese Schrift dann auch als einziges romanisches Buch von den Nazis verbrannt.

Mus turten statt Nus turten

Auch der Titel «Ein schön Kochbuch 1559» enthält allein schon drei Fehler. Korrekt wäre gewesen Ain Schön Kochpuch 1559, worauf Ursula Brunold-Bigler die Öffentlichkeit in einem Heft hinweist, das sie auf eigene Kosten herausgab, weil der Kanton ein solcher Filz ist, dass nichts in Bündner Reihen publiziert werden kann, ohne durch die Hände von Hitz & Kunz gegangen zu sein. Diese Edition enthält mehr als hundert Fehler aller Art. Anstatt Nus turten steht zum Beispiel «Mus turten»; anstatt gezuggert wird «genuggert» geschrieben; anstatt Wein heisst es «essig»; aus Brett wird «Brot». Frau Madlena Burgaweri aus Chur mutiert zu «Madlene Bougoulière» aus der Bretagne. Auch mit den Massen nimmt es der Physiker nicht so genau: Um Zuckerbrötchen zu machen, nehme man 1½ Vierling gut gesiebten Zucker. Nach «Ein schön Kochbuch 1559» sind das 3,75 l; korrekt wäre 175 g. Quart (1,34 l) und Quärtli (0,33 l) ist in seiner Küche dasselbe. Das ist, wie wenn wir aus den Geisteswissenschaften behaupteten, down quarks und up quarks sei in der Physik etwa dasselbe. Hinzu kommt, dass ganze Zeilen aus dem Manuskript fehlen.

In diesem Stil wird ein Bock nach dem anderen geschossen. Das Beste von allem ist, dass auch der ganze Untertitel falsch ist. Dieser behauptet, es handle sich um das älteste deutsche Kochbuch der Schweiz, was Unsinn ist; dann, dass das Buch aus der Küche des Bischofs von Chur komme, ebenfalls eine falsche Vermutung, die leicht zu widerlegen ist. Aber der Gipfel ist, dass sich der Staatsarchivar im «Bündner Tagblatt» mit der Aussage aus der Kritik windet, diese Edition sei besser als gar keine. So ernst nimmt dieser Mann die Wissenschaft und die LiebhaberInnen der Bücher, die ein schickes Buch kaufen wollten und
nun den Salat haben.

Der Bündner Autor Leo Tuor (Jahrgang 1959) studierte Philosophie und Literatur und arbeitete nebst seiner literarischen Tätigkeit jahrelang als Alphirt. In seinem neusten Buch «Die Wölfin / La luffa» erzählt er in literarischen Miniaturen von Weltreisen und Märchenwelten.